Gedanken zu Gesundheit und Krankheit

Was heißt eigentlich Gesundheit und wo beginnt Krankheit? Wenn Ihnen eine klar umrissene Beschreibung schwer fällt, befinden Sie sich in bester Gesellschaft.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert beispielsweise Gesundheit als „einen Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens ...“ und wirkt damit sehr realitätsfern. Wer erreicht schon diesen paradiesischen Zustand und vor allen Dingen für wie lange? Versicherungsexperten wie die Professoren Zankl und Zieger beschreiben den Begriff Krankheit, in ihrer Gesundheitslehre, als einen „... regelwidrigen Körper- oder Geisteszustand, der entweder Krankenpflege erfordert oder Arbeitsunfähigkeit bedingt ...“.

Vom Bundesgerichtshof wurde festgestellt: „Krankheit ist jede Störung der normalen Beschaffenheit oder der normalen Tätigkeit des Körpers, die geheilt oder gelindert werden kann“. Wie verträgt sich diese Definition aber mit der zunehmenden Zahl der chronisch kranken Menschen? Sie müssen mit einem unheilbaren Leiden leben, und häufig werden auch ihre ständigen Schmerzen kaum gelindert. Sind solche Menschen als gesund zu betrachten, weil diese Definition von Krankheit nicht auf sie zutrifft?

Der Sozialpädagoge Rainer Haun sagt weniger wirklichkeitsfremd: „Gesund ist, wer über seine geistigen, körperlichen und seelischen Funktionen so verfügt, dass er seine persönlichen Lebensumstände bewältigen kann“. Der moderne Medizinbetrieb hält die Krankheit für „... eine Störung des Gleichgewichts, die mit verminderter Leistungsfähigkeit, Herabsetzung des Lebensgenusses und seelischer Belastung einhergeht“. Und schließlich argwöhnt der Mediziner und Schriftsteller Peter Bamm sogar: „Die Gesundheit des Menschen zu definieren, geht über die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Medizin hinaus“.

Sie merken, liebe Leserinnen und Leser, niemand vermag exakt und verbindlich zu sagen, was die Begriffe Krankheit und Gesundheit bedeuten. Die Vorstellungen sind außerordentlich widersprüchlich und von sehr unterschiedlichen kulturellen und persönlichen Umständen geprägt. Gesundheit und Krankheit können weder von Versicherungsexperten, Politikern, Richtern, Soziologen, noch von Ärzten, Apothekern oder Journalisten befriedigend definiert werden. Beide Begriffe sind viel zu eng mit der persönlichen Existenz eines jeden von uns verwoben und erfordern daher eine ganzheitliche und individuelle Betrachtung und Beurteilung. Nur die ganz persönliche Einstellung kann bei der Frage weiterhelfen: Ist jemand krank, der Krebs hat, aber keine Schmerzen verspürt und ohne jegliche Einbußen ein normales Leben führt? Wie sind beispielsweise X-Beine oder Kurzsichtigkeit einzustufen?

Offenbar ist Gesundheit keine festgelegte Größe, geschweige denn ein Zustand, sondern eine Lebenshaltung, die unaufhörlich und individuell als Aufgabe und Arbeit verstanden werden will. Diese Arbeit ist nicht übertragbar oder gegen Bezahlung von anderen zu erledigen!

Zugegeben, der moderne Medizinbetrieb hat uns durch seine atemberaubenden Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig verwöhnt. Er gaukelt uns vor, dass vieles machbar sei und die meisten von uns glauben unverändert an die Errungenschaften der mit höchster Präzision arbeitenden Reparatursysteme. Da sind die Herzschrittmacher, künstliche Ersatzteile für Organe, Gewebe und Gelenke, Zahnimplantationen, ferner Röntgendiagnostik, Strahlentherapie, Computertomographie, Endoskopie, Laserchirurgie, Ultraschall und Intensivmedizin.

Die gentechnologische Herstellung von Medikamenten ermöglicht sogar Eingriffe in die Erbsubstanz, jene unverwechselbare Wendeltreppe des Lebens im Zellkern mit dem Ziel, chronische Krankheiten zu besiegen. Gleichzeitig fürchten sich heute Ungezählte vor der Technik des hochspezialisierten Unternehmens Medizin und beklagen, dass die Zuwendung und Menschlichkeit im Medizinbetrieb immer weniger Raum finden.

Seit es die Heilkunst zum Wohle der Menschheit gibt, gehört die ärztliche Zuwendung zu ihren tragenden Säulen. Der Behandler schenkt dem erkrankten Menschen nicht nur seine Zeit und ein offenes Ohr, sondern er reicht ihm gleichermaßen die Hand. Nichts anderes bedeutet im eigentlichen Sinne „Behandlung“, von der wir weiterhin sprechen, auch wenn die Hand des Arztes kaum mehr den Patienten berührt, von der Fünf-Minuten-Medizin ganz zu schweigen.

Trotz allem ist die High-Tech-Medizin unserer Tage erfolgreicher und leistungsfähiger denn je. Sie verheißt den Menschen Gesundheit, als sei diese eine Selbstverständlichkeit, auf die jeder Anspruch habe. Nur das Recht auf Gesundheit ist und bleibt eine Seifenblase angesichts der Realität, vor der sich niemand drücken kann.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im Jahre 1994 für jeden Versicherten – ganz gleich, ob Säugling oder Greis – im Durchschnitt DM 3.000 ausgegeben, und die gewaltigen Kosten explodieren weiter.

Trotz dieser enormen Ausgaben sind wir Deutsche durchaus nicht gesünder geworden, und das ist auch kein Wunder, da in erster Linie der persönliche Lebensstil über Gesundheit und Krankheit entscheidet. Der Medizinbetrieb kann aus einem dicken keinen schlanken Menschen machen, das vermag dieser nur aus eigener Kraft. Der ärztliche Berater kann aus diagnostischen Werten wie Blutdruck und Cholesterin oder EKG und Glukosetoleranztest schwerlich entnehmen, wie sich sein Patient in Zukunft verhalten wird, ob er seinen Fett-, Nikotin- und Alkoholkonsum reduziert und sich gegebenenfalls mehr bewegt oder auf jeden gutgemeinten Ratschlag pfeift.

Jedem ist heute klar, dass unsere hochindustrialisierte, mobile Welt eine Fülle von Gesundheitsschädigungen mit sich bringt. Dennoch sind die meisten sogenannten Zivilisationserkrankungen, mit denen wir uns herumschlagen müssen, selbst verursacht. Sie entstehen aufgrund falscher Ernährung, überhöhtem Alkohol- und Nikotinkonsum, Bewegungsmangel und des Unvermögens, Stress zu bewältigen und sich zu entspannen. Die meisten dadurch hervorgerufenen Erkrankungen sind geläufig. Dazu gehören Arteriosklerose und Herzinfarkt, chronische Bronchitis und Lungenkrebs, Raucherbein und Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen und Leberzirrhose, um nur einige zu nennen. Auch psychosoziale Belastungen, Probleme im beruflichen wie privaten Umfeld, Leistungsdruck, Lärm, Ängste und lang anhaltender Negativstress können schließlich krank machen. Kein Arzt ist in der Lage, die Ursachen von Ehekrisen und beruflichen Problemen einfach wegzuspritzen oder das Leistungstief mit Medikamenten in ein Leistungsvermögen zu verwandeln.

Nicht nur in diesen Fällen stößt die moderne Medizin an ihre Grenzen. Der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges spricht deshalb von einer ganz neuen Heilkunde und erklärt diese Vision so: „Die Medizin als System der Supertechnik hat sich als wenig effektiv erwiesen. Das goldene Zeitalter der Pille geht zu Ende. Wir beherrschen die Infektionskrankheiten, aber nicht mehr die Wohlstandsleiden, diese Pest des dritten Jahrtausends“. Dem fügt er – beinahe grollend – hinzu, dass die Belastungen des Sozialproduktes durch Krankenversicherungen und Heilungsmaßnahmen unerträglich geworden und vor allem die Ärzte dafür systematisch falsch ausgebildet seien.

Erreichen wir demnach den erstrebenswerten Zustand der Gesundheit besser ohne die Errungenschaften der modernen Medizin und ohne die tätige Hilfe der Ärzte? Davon kann ebenso wenig die Rede sein, wie sich blind der vermeintlichen Allmacht des Medizinbetriebes anzuvertrauen und zu glauben, die eigene Gesundheit in die Verantwortung anderer übergeben zu können.

„Gesundheit liegt in uns selbst“, erklärt der Sozialmediziner Hans Schaefer und appelliert an das Verantwortungsbewusstsein des modernen Menschen. Unstrittig ist ein jeder von uns die alles entscheidende Instanz in Sachen Gesundheit und die Hauptperson auf der Bühne unserer Gesundheitsszene. Deshalb können die Ratschläge der Ärzte auch nur Hilfestellung anbieten, wenn wir den roten Faden verlieren. Das heißt: Der Arzt oder Therapeut unseres Vertrauens sitzt im Souffleurkasten und gibt uns das Stichwort, handeln müssen wir schon selbst.

Diese Anregung gilt in erster Linie der Beurteilung von Bagatellerkrankungen, das sind die alltäglichen Missempfindungen und leichten Erkrankungen. Aber auch das persönliche Bemühen ist gemeint, chronische Leiden positiv zu beeinflussen und ihr Auftreten nach Möglichkeit hinauszuzögern. Der Landarzt und Medizinphilosoph Paul Lüth sagt in diesem Zusammenhang: „Gesundheit ist nicht das Freisein von Krankheit und Schmerz. Sie ist auch nicht das Freisein von Angst vor möglicher Krankheit und Gefahr. Der gesunde Mensch denkt nicht darüber nach, dass er gesund ist. Wenn er darüber nachdenkt, zweifelt er schon“. Zuweilen sind aber durchaus Zweifel geboten und der Arzt in seiner Zuständigkeit als Partner und Gesundheitsberater gefragt.

Wenn wir heute versuchen, die Begriffe Gesundheit und Krankheit zu durchleuchten, so begegnen wir vielen unterschiedlichen und vor allen Dingen überraschenden Ansichten. Da versprühen kranke oder schwerbehinderte Menschen Optimismus und Lebensfreude, während andere sich permanent mit sich selber beschäftigen und aufgrund übergroßer Besorgnis aus einer Mücke einen Elefanten, sprich aus einer leichten Befindlichkeitsstörung ein ernst zu nehmendes Leiden machen. „Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung und sie gedeiht mit der Freude am Leben“, hat einst Thomas von Aquin gesagt und damit eine sehr zeitnahe Auffassung formuliert.

Wer sich seinen Optimismus und ein hohes Maß an Lebensfreude bewahrt, auch wenn der Organismus zuweilen nicht immer so mitspielt, weil es hier und da zwickt, der hat immer bessere Karten als derjenige, dessen Gejammer seiner Umgebung mächtig auf die Nerven geht. Lebensfreude zählt zu den Gaben, die wir uns alle wünschen. Die wenigsten werden bestreiten, dass dieses gehobene Lebensgefühl in erster Linie durch uns selbst bestimmt wird. So ist besseres Wissen in Sachen der Gesundheit schlicht gesagt Macht und eine lohnende Rückversicherung bei alltäglichen Beschwerden.

Persönlichkeiten unserer Zeit wie Thorwald Detlefsen, Rüdiger Dahlke und Louise Hay fügten mit ihren Veröffentlichungen ein Menschenbild zusammen, das der Volksweisheit „Jeder ist seines Glückes Schmied“ erstaunlich nahe kommt. Die Autoren sind der Ansicht, dass Krankheit als Sprache der Seele verstanden werden will, eine Sprache des Menschen, der sich nicht traut, eigenverantwortlich zu handeln, und vor allem nicht auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören.

Eigenverantwortung zu übernehmen, will gelernt sein und erfordert eine ständige Anstrengung, denn der bequem-berüchtigte Verschiebebahnhof von Schuld und Verantwortung auf andere sollte stillgelegt werden. Allein das Bekenntnis, dass (fast) alles, was im Leben geschieht, von uns selbst gesteuert und beeinflusst werden kann, führt auf direktem Wege zur Eigenverantwortung. Wenn Menschen diesen Zusammenhang verstehen, gestalten sie ihr eigenes Leben aktiv. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist Krankheit ein Prozess der individuellen Bewusstseinsbildung und weniger ein unabdingbares Schicksal. Missempfindungen müssen sensibel entschlüsselt, Erkrankungen ganzheitlich verstanden und auf die Lebensumstände übertragen werden. Sind Krankheiten Signale des Körpers, der nach Problemlösungen schreit und damit die eigenen Bedürfnisse darlegt, kommt unweigerlich die Frage auf: Welche Therapie ist hilfreich und kann den Weg weisen, das alltägliche Leben umkrempeln?

Den Weg der Gesundung aus eigener Kraft zu gehen und die Fähigkeit zu entwickeln, Körpersignale zu beachten und zu verstehen, kann naturheilkundliche und schulmedizinische Verfahren gleichermaßen behutsam einleiten und begleiten. Machen wir uns also neugierig auf ...

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